Er irritiert mich. Ein Zopf. Nicht etwa jener aus der Urdinkelwerbung, der in den Bahnhofshallen die Plakatwände ziert oder jener in der Ablage beim Beck Röthlin, der mir das Wasser im Mund zusammen treibt. Die Rede ist vom Haargeflecht, das akkurat in der stets gleich daherkommenden Form Julia Timoschenkos Kopf umrahmt, als wäre er ein Heiligenschein. Ein Zopf, der mich – zugegebenermassen – fasziniert. Steht die Frau im Rampenlicht, richtet sich meine Aufmerksamkeit nicht etwa auf ihre Worte sondern primär auf ihre Haarpracht. Oberflächlich, denken Sie? Ja, das find ich auch. Trotzdem: er schlägt mich in seinen Bann und wirft bei mir immer die selben Fragen auf. Wie kann eine Frisur seit Jahrzehnten immer gleich aussehen? Wie steckt sie das Ding fest, damit es am Morgen beim Interview noch genau gleich aussieht wie beim Galadinner am Abend? 1000 Stecknadeln oder doch Drei-Wetter-Taft? Schläft sie damit? Ist der Zopf überhaupt echt? Weshalb kann und will sich die Präsidentschaftskanditatin der Ukraine nicht von ihm trennen? Was will uns die Frau damit sagen? Politisches Statement oder einfach nur Modeerscheinung?
Wie um Himmels willen, frag ich Sie, soll man sich bei all diesen Fragen auf die Aussagen der 54-Jährigen konzentrieren können? Ein Ding der Unmöglichkeit. Und da genau liegt der Hund begraben. Völkerlenkung durch Haarzopf. Meisterin der Blendung. Der gerissenste Schachzug seit Garri Kasparow.
Es ist ein alter Zopf: Frauen verpassen sich bei sich verändernden Lebenssituationen einen neuen Haarschnitt oder eine neue Haarfarbe. Die Veränderung trägt Frau zur Schau und kommentiert damit nonverbal: Seht her, ich habe etwas gewagt. Es macht sie selbstbewusst. Dieses Selbstbewusstsein scheint Julia Timoschenko nicht mehr zu benötigen. Selbstbewusst war sie schon immer. Und ihr Zopf schreibt so oder so in irgend einer Art Geschichte.
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