«Ich bin ein Frosch», sagte das Froilein oft als es noch klein war, hüpfte dabei auf und ab, machte quack-quack und nervte mitunter gehörig. Noch keine sechs Jahre alt wurde ihm von einem fremden Mann im weissen Kittel mitgeteilt, dass es möglicherweise nie über die Froschperspektive hinauswachsen würde. «Einmeterfufzig. Vielleicht zweiundfuzig; wenn’s hoch kommt», orientierte der Mann damals die Mama des Froileins. «Das könnte dann im Erwachsenenalter schwierig werden für den kleinen Frosch.» Doch die Mama meinte: «kleine Menschen sind auch Menschen.» Deshalb arrangierte sich das Froilein primär mit dem Blickwinkel des Frosches, den es nicht wirklich doof fand. Trotzdem war der Frosch manchmal traurig über den Zustand, weil die deutlich grösseren Kröten im Umfeld mit ihm Mitleid hatten, hin und wieder foppten. Und so lernte der Frosch alsbald klettern, kraxelte auf Bäume und Gerüste und spielte Vogel. Aus der Vogelperspektive sah alles verschwindend klein aus, selbst das Froschproblem. Doch dass dort oben auch nicht alles rosa und es bisweilen einsam war, die Sicherheit des Froschmilieus fehlte, es trotz unzähligen Versuchen nicht fliegen lernen konnte, wurde dem Froilein irgendwann bewusst. Zwei Faktoren waren für die Erkenntnis ausschlaggebend: Zeit und Perspektivenwechsel. Aus einem Frosch würde nie im Leben ein Vogel werden. Und auch keine Giraffe.
Dank der fiesen Sache namens Pubertät konnte das kleine Froilein dann doch rascher als es ihm lieb war über den Tellerrand hinaus blicken und fand sich beinahe übergangslos zwischen der Frosch- und Vogelperspektive wieder. Sichtlich irritiert darüber, weder das eine noch das andere, sondern einfach nur normal zu sein. Der Mann im weissen Kittel hatte sich verrechnet. Aus «Einmeterfufzig» wurden glatt «Einsfünfundsechzig». Es zog daraus den Schluss, dass Männer in weissen Kitteln zweifelsohne nicht immer Recht behalten.
Welche Bedeutung die Wahl der Perspektive hat, zeigt sich nicht nur beim Schreiben und Erzählen von Geschichten. Auch im Alltag ist es von Vorteil nicht auf einer Perspektive hocken zu bleiben. Wer sich häuslich in einer Komfortzone einzurichten und sich womöglich nie wieder auf das Abenteuer Polyperspektive einzulassen gedenkt – ein Abenteuer, welches man als Kind noch ganz selbstverständlich in ein Spiel einschloss – läuft wohl oder übel Gefahr, pragmatisch und langweilig zu werden.
Eine Sache oder eine Person aus verschiedenen Warten auszuleuchten, sich ihr zu nähern und vielleicht auch wieder zu entfernen, bevor man (Vor-)Urteile fällt, ist und bleibt existentiell. Ja, es bedeutet Arbeit an sich selbst, braucht Mut und Überwindung um sein gewohntes Terrain zu verlassen. Und nein, es kostet nicht wirklich etwas.
Nichts ist schlimmer als immer ein Frosch zu bleiben ohne jemals den Versuch unternommen zu haben, auf einen Baum zu steigen, dem Vogel «Hallo» zu sagen und mit ihm Freundschaft zu schliessen. Erst verschiedene Betrachtungsweisen ergeben ein Gesamtbild.
Hat man diesen Schritt mal gewagt, wird das Gefühl der Empathie auf einmal greifbar nah.
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